• LOCATION 2 | Dual Reality - Ein Hörspaziergang in Zürich Hottingen

    Witikonerstrasse

    Wir haben das Ende der Strasse erreicht. Lass uns kurz stehenbleiben. Hier nehme ich meinen Stock und spüre die unterschiedliche Beschaffenheit des Bodens unter mir.
    Hmm… Das seltsame an den Adidas-Streifen ist es, dass sie nur funktionieren, wenn der Boden flach ist.
    Hier bei diesem Trottoire ist der Asphalt sehr alt, es gibt viele Risse und manche fühlen sich bereits selbst wie Streifen an. Das kann sehr verwirrend sein. Deshalb benutze ich die Streifen nicht, wenn ich zur Schlyfi-Haltestelle runtergehe. Stattdessen benutze ich den Rand des Trottoirs.
    Neben dem Asphalt kommt ein Stein, meist Granit. Und wenn du genau hinschaust, entdeckst du zwischen Asphalt und Granit eine sehr schmale, feine Linie, vielleicht fünf Millimeter breit. Und die spüre ich mit dem Stock.
    Ich gehe also nach links, benutze den Stock und ich finde diese fünf Millimeter breite Abweichung und folge ihr. So weiss ich, dass ich geradeaus gehe. Also, komm, lass uns gehen, bis ganz nach unten zur Ampel.
    [Pause]
    Weisst du, geradeausgehen ist als Blinder sehr schwierig.
    Die meisten Leute würden, wenn der Platz gross genug ist, in einem Kreis gehen. Einer der wichtigen Teile deines Gleichgewichtsinns ist die optische Umgebung; es sind nicht nur die Ohren. Zum Beispiel, du siehst die Mauer und du hast sofort ein Gefühl für die horizontale Ausrichtung. Das hilft dir sehr, ins Gleichgewicht zu kommen, im visuellen Sinne.
    Das ist der grosse Unterschied zwischen Blinden und Sehbehinderten. Weil, wenn du zum Beispiel das Trottoire siehst und wo es aufhört, dann hilft das sehr beim (herum)gehen. Auch wenn du nicht gut siehst, ändert das alles.
    [Pause]
    Lass uns weitergehen, bis wir bei der Ampel sind.

Dual Reality - Ein Hörspaziergang in Zürich Hottingen